Freitag, 19.06.2026 12:14 Uhr

"The World Through AI" in der Kunsthalle Schirn

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Frankfurt am Main, 16.06.2026, 13:27 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 503x gelesen
Ausstellungsansicht: Holly Herndon & Mat Dryhurst „xhairymutantx", 2024
Ausstellungsansicht: Holly Herndon & Mat Dryhurst „xhairymutantx", 2024  Bild: Kurt Lehberger

Frankfurt am Main [ENA] Die Ausstellung „The World Through AI“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main zeigt vom 11. Juni bis zum 20. September 2026 Kunstwerke, die sich mit den kognitiven, psychologischen, politischen und ökologischen Dimensionen der Künstlichen Intelligenz (KI) auseinandersetzen.

Ziel der Ausstellung ist es, zu verstehen, wie KI unser Denken, Fühlen und Leben beeinflusst und welche Gefahren besteht, die Welt durch KI zu erleben. Die Ausstellung in Halle 1 und Halle 2 der Schirn ist in 17 Themenräume unterteilt. Sie beinhalten rund 40 Werke, bestehend aus Videoinstallationen, Grafiken, Skulpturen und Fotografien von rund 30 internationale Künstler*innen, darunter Nora AlBadri, Nouf Aljowaysir, Julian Charrière, Grégory Chatonsky, Kate Crawford & Vladan Joler, Holly Herndon & Mat Dryhurst, Agnieszka Kurant, Trevor Paglen, Hito Steyerl, Sasha Stiles und Taller Estampa.

Der erste Themenraum zeigt Timo Arnalls Internet machine (2014). Die Videoinstallation führt uns in mit wandhohen Racks bestückte Rechenzentren, die mit dem Netzwerk verbundenen Servern ausgefüllt sind. Die Cloud ist keine Wolke, sondern Rechenzentren, die miteinander verbunden sind. Die ökologischen Herausforderungen, der Bedarf an riesigen Mengen von Strom für den Betrieb der Anlagen und von Wasser für die Kühlung der Rechenzentren, werden thematisiert.

Die Gesichts- und Emotionserkennung zeigt Trevor Paglens in seiner Videoarbeit „Behold These Glorious Times! (2017)“. Bilder von Objekten, Gesichtern, Merkmalen und Emotionen aus Trainingsdatensätzen werden präsentiert. Die interaktive Installation „Faces of ImageNet (2022)“ veranschaulicht dem Besucher, wie er erkannt und kategorisiert wird. Das System analysiert die bestehenden Datensätzen und zeigt die Ergebnisse an. Antworten zu meinem Gesicht: Microoconomist, Econometrician (Statistiker in der Wirtschaft). Bursar, (verwaltet z.B. Stipendien an Universitäten), sind plausibel, da ich ein Studium zum MBA Finance und in Soziologie abgeschlossen habe.

Die historische Perspektive der fortschreitenden Entwicklung von Computern und Kommunikationstechnologien zeigen die mehrere Wände füllenden Grafiken der „Calculating Empires, von Crawford und Vladan Joker (2023). Klick-Worker sind Frauen und Männer, die Bilder mit Schlagwörtern versehen und diese in Bezugsrahmen setzen. Die Bildobjekte werden isoliert, um in den Algorithmen der KI verwendet werden zu können, um z.B. für militärische Zwecke, Ziele für Angriffe zu identifizieren. Diese Micro-Arbeit wird im Globalen Süden verrichtet. Hier gibt es keinen Arbeitsschutz, die Menschen sind bloße Anhängsel der großen KI-Konzerne.

Ghost-Workers, Computer Girls gelten als, vornehm ausgedrückt, „Content-Moderator*innen. Diese Hand-Brain Arbeit ist notwendige Voraussetzung für die Automation der KI-Systeme. Sie ist unsichtbar, sowie die sozialen Verhältnisse, unter denen die Produktion stattfindet, dem Produkt nicht anzusehen ist. Fehlerhafte KI-Systeme halluzinieren. Sie bringen Falschaussagen hervor. Das ist kein Systemfehler, sondern beruht auf fehlerhafte Daten, die entstanden sind, da die Daten statistisch ausgewertet wurden und nicht vorurteilsfrei gekennzeichnete Daten zur Verfügung gestellt wurden.

Daten sind oft ohne Einverständnis der gezeigten Personen erhoben worden, Texte, ohne das Copyright zu berücksichtigen. Die KI bewegt sich auf einem kritischen Pfad und kann Menschen und Rechte verletzen. Besonders gefährdet sind Kinder und schutzbedürftige Personen. KI-Datensätze sind keine neutralen Archive. Koloniale Strukturen werden miterfasst und Vorurteile verankern sich in den KI-Modellen. Indigene Völker und deren Kulturen bleiben oft unsichtbar, da sie in der Auswahl der verwendeten Daten nicht berücksichtigt werden. Der Videofilm „Mechanical Kurds“ von Hito Steyerl aus dem Jahr 2025 wird gezeigt. Zu sehen ist die KI-generierte Tanzgruppe vor einem indischen Auto in einer Siedlung von Flüchtlingen in einer Wüstenstadt.

AI Slop und die Slopaganda zeigen KI-generierte Bilder, die der politischen Propaganda dienen. Occitane Lacurie und Barnabé Sauvage zeigen die Multimediainstallation „Holy Slop! A Generative Atlas of Slopaganda in Palestine (2026)“. Zum Einsatz kommen Bilder aus Grok-KI-Modellen, die auf der X Plattform (ehemals Twitter) von Musk gezeigt wurden und Bilder von Donald Trumps Social Network Services „Thruth Social“. Die Bilder beschreiben das „Gaza Riviera“ Phantasieland aus 2026. Parallel werden archivierte Bilder und Filmszenen aus der Kolonialzeit eingeblendet, die damals schon ein verklärtes Bild von Palästina zeigten.

KI-Modelle können heute Bilder erzeugen, die von echten Fotographien nicht mehr unterschieden werden können. Diese fotorealistischen Bilder werden eingesetzt, um Propaganda-Botschaften in die Welt zu setzen. Menschliche Stimmen können künstlich erzeugt werden, so dass sie nicht mehr von den echten menschlichen Stimmen unterscheidbar sind. Die „Slopaganda“, eine Wortschöpfung aus Slop und Propaganda, macht sich dies zunutze. Slop, könnte mit „weicher Schlamm“ übersetzt werden und steht für digitale Inhalte von geringer Qualität, die mit Generativer KI produziert und massenhaft verbreitet werden.

Die Gefahr besteht in der Verbreitung von Desinformation, in der Ausstreuung absichtlich falsch dargestellter Informationen, die Menschen zu manipulieren und damit Macht über sie auszuüben. Die Propaganda macht sich die Erkenntnis „Wissen ist Macht“ von Francis Bacon zunutze. Slopaganda werden zu Werkzeugen zu politischen Zwecken eingesetzt. Die stereotypen und repetitiven Inhalte sollen schockieren, provozieren und stören. Am Beispiel des KI-generierten Videos „Trump Gaza“ wird die Wirkung der viralen Propaganda, in der koloniale und orientalistische Bildsprachen durch generative KI-Modelle verbreitet werden, gezeigt.

Zeitkapseln verbinden Gegenwart und Vergangenheit durch KI-Technologien. Der Wahrheitswert ist schwierig zu ermitteln. Eine gezeigte Zeitkapsel baut auf den historischen Zeugnissen der jüdischen Familie Dondorf und deren Druckerei auf. Der Ort wird aktuell als temporärer Standort der Schirn genutzt. Ania Szczepańskas Film „Reinscribing the Dondorf (2026)“ untersucht die Geschichte der jüdischen Gründungsfamilie der Druckerei Dondorf. Dabei werden KI generierte Bilder und Filmszenen erzeugt, die aus den Archiven entnommen sind.

Das Unternehmen wurde international bekannt für den Druck von Spielkarten, Postkarten, Wertpapiere und Banknoten. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten wurden die Nachkommen der Familie Dondorf verfolgt: Helene Neumann wurde 1941 mit ihrem Sohn Richard in das Ghetto von Łodź deportiert, wo sie umkamen. Ihre Cousinen Ella Ottilie Marckwald und Marie Nanny Hirschhorn begangen 1942 Selbstmord, um der Deportation zu entgehen. Nach 1928 wurde die SPD Zeitung Volksstimme hier gedruckt. Es folgten von 1933 bis 1944 der Druck des nationalsozialistischen Frankfurter Volksblatts. Das Gebäude wurde 1959 in die Goethe-Universität Frankfurt eingegliedert.

In dem Film werden Arbeiter*innen in der Druckerei an ihren Tischen gezeigt, ein Vorarbeiter geht durch die Reihen, er trägt eine Uniform und macht den Hitlergruß. Diese Szene ist von der KI generiert. Dass in der Dondorf-Druckerei ein Vorarbeiter als Nazi aufgetreten ist, ist sicher unrealistisch, aber die KI spielt diese Szene ein, ein Beispiel von irreführenden Inhalten. * Aus Platzgründen sind nur Auszüge aus der Ausstellung gezeigt. Die komplette Ausstellung kann in der Schirn bis zum 6.9. in Halle 2 und bis zum 20.9.2026 in Halle 1 angeschaut werden.

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